Freitag, 15. Juli 2016

Vom Zwangsarbeiter zur Kultfigur


Das Leben eines Franzosen in der Zeit des Nationalsozialismus

 

Cavannas Betriebsausweis als Zwangsarbeiter








François Cavanna war Chefredakteur und Mitbegründer der inzwischen berühmten französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“. Während des Zweiten Weltkrieges lebte er in Deutschland – als Zwangsarbeiter.

François Cavanna wurde 1923 in Paris als Kind einer Haushaltshilfe und eines Bauarbeiters geboren und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Als er 1943 von der Pariser Polizei von der Baustelle abgeholt wurde, wo er als Maurer arbeitete, begann für ihn sein Leben als Zwangsarbeiter. Nachdem ihm die Polizei mit nach Hause begleitete, damit er ein Minimum seiner Sachen packen konnte, führte man ihn zum Gare de l’Est, wo er in Ungewissheit mit dem Zug nach Deutschland verschleppt wurde. Nach einer dreitägigen Zugfahrt kam er schließlich am 1. Juli in Berlin-Treptow an. Nachdem man ihm einen Schlafplatz im Unterkunftslager Berlin-Niederschöneweide zugewiesen hatte, schickte man ihn umgehend in die Ehrich & Graetz Fabrik. Er durchlief mehrere verschiedene Arbeitsplätze, da er die anderen Zwangsarbeiter entmutigte und eine schlechte Arbeitshaltung aufwies, und gelang somit zu einer Heizpresse, die noch größer war als die bisherigen an denen er vorher arbeiten musste. Dort übten ihn zwei Russinnen ein, eine war Maria, in die er sich verliebte. Seine Arbeit an der Haushohen Heizpresse sah folgendermaßen aus: 6 Tage die Woche begann seine zwölfstündige Schicht, in der er nur eine Viertelstunde Pause hatte, um sechs Uhr morgens. In Sekundenschnelle musste er die 30 kg schwere Platte unter der in Bewegung gesetzten Heizplatte wechseln. Diese Platte hatte Einkerbungen, welche mit heißem flüßigen Bakelit gefüllt waren, dementsprechend war es fast unmöglich die schwere Platte zu entwenden, ohne sich zu verbrennen. Dazu machte ihm der Krach der 20 riesigen Heizpressen zu schaffen. Er beschloss, sich selbst zu verletzten, damit er von der Arbeit befreit wurde. Deshalb arbeitete er nur noch mit der linken Hand, mit der er es nicht gewohnt war, die Hauptarbeit zu verrichten und zerquetschte sich schließlich einen Finger so sehr, dass er ihn verlor. Nach nur zehn Tagen Krankenpause musste er schließlich weiterarbeiten, jetzt aber bei der Trümmerräumung, wo er Waggons mit Trümmern von einer Stelle zur anderen schob.

Trotz der schweren Bedingungen konnte er mit seiner geliebten Maria kommunizieren. In den Pausen trafen sie sich kurz, doch hatten sie kaum Zeit füreinander.
Nachdem sie von der Roten Armee befreit worden waren, hatten sie nur wenig Zeit, um sich wirklich kennenzulernen. Jedoch verbat die sowjetische Regierung jeglichen Kontakt zur westlichen Welt. Trotz dieser Umstände versprach Cavanna seiner Maria sie nicht zu verlassen und sie überall hin zu begleiten. Dies war jedoch schwieriger, als er es sich vorstellte, denn eines Tages wurde Maria von den Sowjets nach Russland entführt. In der Hoffnung Maria zu finden, suchte er sie seitdem in ganz Europa und schloss sich Gruppen an, welche ehemalige Zwangsarbeiter suchten. Er fand sie bis zu seinem Tode nicht.

Einige Zeit später arbeitete er bei einer Zeitung und erkannte so sein Talent als Karikaturist, Schriftsteller und Journalist. Als Mitbegründer der Satire-Zeitschriften „Hara-Kiri“ und „Charlie Hebdo“ verarbeitete er seine negativen Erfahrungen als Zwangsarbeiter. 1979 veröffentlichte er sein Buch „Les Russkoffs“ (deutsch: „Das Lied der Baba“) über die Zwangsarbeit in Berlin und die Liebe zur Ostarbeiterin Maria.
François Cavanna verstarb mit 91 Jahren 2014 in Frankreich. 






(Fotos: Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide)

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