Freitag, 15. Juli 2016

Leben zwischen zwei Fronten

Wie zwei Fronten das Leben der Familie Kocur durch Flucht und Zwang bestimmten.

 

Wäre die ukrainische Familie Kocur doch besser in Amerika geblieben. Sie entschieden sich jedoch in ihr Geburtsland zurückzukehren, wodurch sie im zweiten Weltkrieg zwischen die Fronten gerieten. Ihr Leben war nun von Fluchten gekennzeichnet und sie gelangten auch in das System der Zwangsarbeit. Erst eine geglückte Flucht bescherte ihnen die ersehnte Freiheit.

 Maria Kiciuk und Theodor Kocur, Foto: Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit

Vater Theodor und Mutter Anna wurden 1893 in Dörfern der Westukraine geboren. Auf der Suche nach Arbeit gingen beide in die USA, wo sie sich begegneten. 1914 kehrte Anna mit ihrer Tochter in die Ukraine zurück, der Vater folgte ihnen nach dem Kriegsende. Zusammen bauten sie sich auf einem großen Bauernhof eine neue Existenz auf und bekamen weitere Kinder.

In Folge des Deutsch-Sowjetischen-Nichtangriffspakts annektierte die Sowjetunion 1939 die Westukraine und begann mit Verhaftungen und Deportationen. Daraufhin floh die Familie zum ersten Mal in sicherere Regionen Osteuropas. Als 1941 Galizien von deutschen Truppen erobert wurde, kehrte die Familie wieder auf ihren Hof zurück. Doch schon 1944 verschob sich die Front wieder weiter nach Westen. Deshalb war eine Flucht nach Westen unumgänglich. Sie schlossen sich einem Flüchtlingszug an und gerieten bei Uschhorod in die Gefangenschaft deutscher Truppen. Nach Gefangennahme wurde die Familie nach Wien transportiert und wurde dort in einem Zwangsarbeitslager untergebracht. 1945 wurde ein Teil der Familie in das Zwangsarbeitslager in Berlin-Schöneweide verlegt. Die zwei älteren Kinder gingen im Durcheinander des Krieges verloren.    
„Die Lagerbewohner haben doch mit ihren Kindern hier auf dem Spielplatz gespielt, die waren doch gar nicht eingesperrt“, so beschrieb ein Passant das Leben der Lagerbewohner. Dieses gestaltete sich jedoch ganz anders und sehr monoton. Die Hauptbeschäftigung für die Eltern und das älteste Kind war die Arbeit. Die Jüngeren verbrachten die Zeit im streng bewachten Lager. Auch die gemeinsame Freizeit beschränkte sich auf Aktivitäten im Lager, da ihnen als Ostarbeiter Unternehmungen, wie Kinobesuche und Bahnfahrten verboten waren. Das wenige verdiente Geld wurde für Kost und Logis verbraucht. Der Aufbau    Stube war schlicht. Dreistöckige Holzbetten voller Ungeziefer boten Schlafplätze für insgesamt 20 Arbeiter. Des Weiteren war die Versorgung schlecht, die Tochter Maria erinnert sich an „[…]eine Art Wasser. Wässrige Suppe“(Maria Kiciuk-Kocur, Interview 9.9./11.9. 2014, USA).

Am 22. Februar 1945 ergab sich für die Familie eine Fluchtmöglichkeit, welche sie aus Angst vor der näher kommenden Roten Armee nutzte. Vermutlich erhielten sie hierbei Unterstützung von einer ukrainischen Untergrundorganisation. Mit dem Zug schafften sie es nach Bayern auf einen Bauernhof, wo sie bis zur amerikanischen Befreiung arbeiteten. Danach reisten sie nach Hamburg, wo sie einen kurzzeitigen Aufenthalt hatten, ehe sie die Möglichkeit bekamen, in die USA zu emigrieren. Zur gleichen Zeit wurden die beiden älteren Kinder in die Sowjetunion abgeschoben. Die nächsten neun Jahre verbrachten sie in einem Zwangsarbeitslager in Sibirien. Durch den jahrzehntelang anhaltenden kalten Krieg kam es erst 1991 zur Wiedervereinigung der Familie.

Diese Lebensgeschichte ist ein Beispiel dafür, wie stark die NS-Zeit und der Stalinismus das Leben der osteuropäischen Menschen prägte.

M. Stefan, N. Schulz & D. Schuldt

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